Begrüßt
wurden die Teilnehmer von Sandra Eckstein, zertifizierte Lehrerin des Tai
Chi Forums Deutschland, die unterstützt wurde von Agathe Stöckigt,
ebenfalls vom Tai Chi Forum Deutschland aus dem Raum Nürnberg –
Erlangen. Agathe Stöckigts Partner Lothar Kunkel übernahm einen
sehr wichtigen Part: Er hielt die Veranstaltung auf Bild fest. Überraschenderweise
war unter den Teilnehmern noch Karin Harms, ebenfalls Lehrerin für Tai
Chi Chuan und Qi Gong.
Neben den Schülern von Tai Chi-Lehrerin Sandra Eckstein
aus Frankenbach und Neckarbischofsheim fanden sich weitere Übende ein,
die zum Teil eine längere Anfahrt hinter sich hatten, wie Bernd und
Daniel Clormann mit ihrem Freund David aus Neckargemünd.
Auch Schüler der Tai Chi Schule Heilbronn waren da, sowie einige Teilnehmer,
die anlässlich dieser Veranstaltung erstmalig diese chinesischen Gesundheitsübungen
ausprobierten.
Begrüßung
und neugieriges, erwartungsvolles Abwarten auf das, was nun kommen wird
Als
erstes stand Qi Gong auf dem Programm. Die Gruppe machte
sich mit den Übungen aus dem standardisierten Lehrsystem des
Tai Chi Forums Deutschland warm. Hier konnten alle, auch Anfänger,
ohne Probleme teilnehmen, da es sich um einfache Übungen handelt, die
oft wiederholt werden. Zudem gab es zu jeder Übung die entsprechenden
Anleitungen durch Agathe Stöckigt und Sandra Eckstein. Ziel dieser Übungen
ist es u.a., den Körper zu lockern und zu entspannen, den Energiefluß
anzuregen sowie Abstand vom Alltag zu gewinnen.
Nach den Qi Gong-Übungen folgten eine Stehmeditation
und das sog. Stehende Chi Kung.
Es war eine schöne entspannte Atmosphäre des gemeinsamen Übens.
Die Sonne tat das ihrige, um eine energiereiche und friedliche Stimmung entstehen
zu lassen. Dazu die zwitschernden Vögel, das sattgrüne Gras, die
blühenden Blumen – und wir mittendrin als Bestandteil der Natur,
integriert und hineinpassend….
Durch
die Übenden angelockt, gesellten sich immer mehr Zuschauer zu der Gruppe.
Manche machten nur eine kurze Pause auf ihrem Weg zum Einkaufen bzw. wieder
nach Hause; andere ließen sich Zeit und gönnten sich eine kleine
entspannende Rast – vielleicht um sich selbst unbewusst mit der freigesetzten
Energie wieder etwas aufzuladen?





Als
nächstes liefen dann einige der Anwesenden den ersten Teil der
langen Yang-Form. Hier vergrößerte sich der Teil der Zuschauer
durch ein paar der bisherigen Teilnehmer, die bei den Vorübungen noch
mitgemacht hatten. Da es sich bei Tai Chi Chuan um einen langen Bewegungsablauf
handelt, ist ein Mitlaufen der Form ohne deren Kenntnisse nahezu unmöglich.
Zuschauen hatte allerdings auch was für sich! Man konnte die langsamen,
gleichmäßig fließenden Bewegungen der Akteure genießen
und sehen, dass sie sich bewegen, als ob sie einen Seidenfaden vom Kokon abwickeln
würden: gleichmäßig ohne zu stocken, fließend und rund.
Der erste Teil des langen Yang-Stils "Form 1" ist der Erde
zugeordnet. Man steht fest auf seinen Füßen und lernt, eine gute
Haltung einzunehmen. Verspannungen werden losgelassen und man richtet sich
an der Schwerkraft zur Erde aus, Stress und Anspannungen lässt man sozusagen
in die Erde abfließen und erdet sich mental und körperlich; man
verbindet sich mit seinem Yin-Pol. Die Bewegungen konzentrieren sich auf vor,
zurück, drehen usw. Teil 1 enthält keine Kicks und keine ausgesprochen
tiefe Stellungen. Es werden ungefähr 25 Bewegungsabläufe durchgeführt.
Dieser Teil ist daher der Einstieg in das Tai Chi Chuan.



Nun
kam die erste Waffe: Der Langstock. Es handelt sich hierbei
um einen ca. 2 m langen Rosenholz-Stock. In der Zuordnung der Elemente gehört
der Langstock zum Element Holz und hat als Symboltier den Drachen.
Als erstes zeigte Sandra Eckstein die 14 Grundtechniken
des Stockes, die aus Abwehr- und Angriffsbewegungen bestanden.
Anschließend kam Frank Braun dazu, so dass beide die
Techniken in ihrer Anwendung zeigen konnten. Hier wurde nun
offensichtlich, was die einzelnen Techniken bedeuten. Gleichzeitig konnte
man auch sehen, dass die Techniken nicht ungefährlich sind, wenn man
nicht schnell genug abwehrt.
Zuerst
gab es einige Erklärungen zum Langstock (linkes Bild); rechts die Grundtechnik
"God"; unten Positionen aus den Anwendungen
Für
die nächste Vorführung blieb Frank Braun gleich dabei: Es kam nun
ein besonderer Höhepunkt: Eine Tai Chi Partner-Form,
auch bekannt als San Shou bzw. Tai Chi Duilian oder Two-Men-Set.
San Shou ist vor dem Freikampf die höchste Stufe der Partnerübung
(nach Push Hands und Da lü). Es handelt sich hier um eine Choreografie
von Angriff und Verteidigung. Jeder der beiden Partner hat ca. 80
Bewegungen, die aufeinander aufbauen. Man kann beim Üben sehr
gut testen, wie stabil man steht und ob man die Bewegungen richtig macht.
Denn bei Fehlern wirft einen der Partner einfach um…





Um
wieder ein paar Leute mehr mit in die Vorführung einzubeziehen, kam nun
Teil 2 der langen Yang-Stil-Form an die Reihe.
Er ist dem Himmel zugeordnet. Dies bedeutet, man lernt, sich
nach oben hin aufzurichten, dem Körper Raum zu geben. Man nimmt Verbindung
zum Yang-Pol, dem Himmel, auf. Die Bewegungen erweitern sich in die Diagonalen
und zur Seite, sowie um einige Kicks. Der zweite Formteil zählt ungefähr
60 Bewegungsabläufe. Durch einige Wiederholungen aus Form 1 und den Erweiterungen
baut Teil 2 sinnvoll auf Teil 1 auf und sollte nach diesem gelernt werden.



Dass
Tai Chi Chuan nicht nur langsam ist, sondern auch eine schnelle Komponente
enthält, zeigte nun Sandra Eckstein mit der Fast Form,
der schnellen Form nach Wei Lun Huang. Sofern man Tai Chi
Chuan als vollständiges System üben will, gehört die schnelle
Form unbedingt zum Repertoire dazu, denn nur durch die langsame (slow) Form
kann man nicht alle Fähigkeiten trainieren, die zu lernen möglich
und sinnvoll sind. Tai Chi Übende, die die langsame Form kennen, können
in der schnellen durchaus die gleichen Bewegungsbilder wahrnehmen. Sie wurden
allerdings etwas angepasst, damit man die Form auch schnell laufen kann.

Als
weiteres Beispiel für Anwendungen zeigten Marina
Mesch und Sandra Eckstein einzelne Bewegungen
aus der langsamen langen Yang-Form und deren Bedeutung im Kampf bzw. in
der Selbstverteidigung. Es wurde dabei demonstriert, dass die Bewegungen
der Form genau aufeinander abgestimmt sind und sich anwendungstechnisch
sehr gut aneinanderreihen lassen. Besonders gut passt dies auf die Sequenz
„Leu – Chai – Rollback – On“.
Hier konnten die Zuschauer sehen, dass Tai Chi Chuan die Bezeichnung „Kampfkunst“
zu recht trägt, selbst wenn diese Komponente hier in Deutschland ganz
gerne vernachlässigt und die Kunst hauptsächlich zur Erhaltung
oder Wiederherstellung der Gesundheit praktiziert wird. Dies ist zwar richtig,
denn dies zählt zu den Wirkungen des Tai Chi Chuan, ist aber nur ein
Teil des Ganzen. Denn Tai Chi Chuan hat nun einmal seine Wurzeln in der
Kampfkunst.
Zur Ernüchterung aber noch folgender Hinweis: Als Kampfkunst ist Tai
Chi Chuan zwar sehr hoch angesiedelt, man darf sich aber nicht der Illusion
hingeben, dass man nach kurzer Zeit des Unterrichts und des Übens tatsächlich
kämpfen kann. Um Tai Chi Chuan als Kampfkunst zu praktizieren bedarf
es vieler Jahre intensiven, konsequenten Übens. Da hier mit Energie
und nicht mit Kraft gearbeitet wird, dauert es entsprechend lange, bis sich
die entsprechenden Fähigkeiten entwickeln. Allerdings: hat man dann
diese Fähigkeiten endlich erworben und trainiert, ist man mit Tai Chi
Chuan den harten Kampfkünsten überlegen…


Die Anwendung des "Yin-Yang-Fischs"
Nach
dem Runterziehen (leu) des Gegners erfolgt das Wegschieben z.B. am Oberarm
mit der Technik cai
Griff lösen durch Bilden des Vogelkopfs bei
der "Peitsche"
Erneut bekamen die Zuschauer einen neuen Eindruck, was
es noch an Formen gibt: Sandra Eckstein zeigte eine Kung-Fu-Form
mit der Hellebarde. Mei Ling Wu, Kung Fu- und Tai-Chi-Meisterin
und –Lehrerin, unterrichtete diese Form im Jahr 2002 in der deutsch-chinesischen
WuShu-Akademie in Konstanz, die sie zusammen mit ihrem Mann, Dr. Martin
Rüttenauer, führt.
Bei dieser Vorführung bekamen alle einen Eindruck inwieweit sich
Tai Chi Chuan und Kung-Fu unterscheiden.
Die Hellebarde gehört zu den traditionellen Kung-Fu-Waffen und ist
auch in den Shows der Shaolin-Mönche oft vertreten.
Auch in unseren Gegenden gab es früher Hellebarden. Sie sahen allerdings
nicht so imposant aus wie die chinesischen. Insbesondere die Frühlings-Herbst-Hellebarde,
die Sandra Eckstein verwendete, wirkt besonders wuchtig.






Als
nächstes zeigten die Gäste aus Neckargemünd, Bernd
und Daniel Clormann, eine Yang-Stil Fighting Form.
Sie bestand aus nicht ganz so vielen Bewegungen wie die San Shou Form, sondern
hatte einige Wiederholungen. Auch waren hier weniger Schritte zu laufen.
Man stand mehr auf der Stelle bzw. lief auf der Stelle. Sie ist wohl leichter
zu lernen als die lange San Shou-Form.
Was natürlich nicht fehlen durfte, war die offizielle
Staatsform, die sog. Peking Form. Aus den Teilen 1-3 der
langen Yang-Form wurden die wesentlichen Bewegungen herausgenommen und neu
zusammengestellt. Dies ist die Form, die die Regierung als erstes offiziell
geduldet hatte und die auch heute weit verbreitet ist. Inwieweit diese Form
noch die Kampfkunst-Wurzeln in sich trägt, muß ausprobiert werden…
Daniel Clormann zeigte dann noch eine kurze Yang-Stil-Form,
die sog. 48-Form.
Als nächstes kamen wieder Waffenformen dran: Sandra
Eckstein zeigte die Yang-Stil-Schwertform nach Wei Lun Huang,
danach eine Fächerform, die Mei Ling Wu selbst aus
Elementen des Yang- und des Chen-Stils zusammengestellt hatte. Man konnte
insgesamt sehr gut erkennen, dass jede Waffenform eigene charakteristische
Bewegungen hat.
Schließlich zeigte Bernd Clormann die Yang-Stil-Schwert-Form
nach King Hung Chu. Hier konnte man wieder gleiche Bewegungsbilder
wie bei der vorigen Schwertform erkennen, allerdings wurden sie etwas anders
ausgeführt.
Gegen Ende der Veranstaltung gab Sandra Eckstein noch einen
Einblick in weitere klassische chinesische innere Kampfkünste:
Hsing I Chuan (Xingyi Quan), Bagua Zhang und Tong Bei Chuan,
die sie gerade beim Tai Chi Forum Deutschland lernt. Jede dieser Künste
hat dabei eine eigene Art der Bewegungsrichtung und besondere Charakteristika.
Xingyi Quan ist ein sehr geradliniges System mit großen Schritten.
Hier werden die Hauptbewegungen den 5 Elementen zugeordnet oder verschiedenen
Tieren. Bagua Zhang orientiert sich an den 8 Richtungen (Ba Gua), an den
8 Trigrammen, und symbolisiert den stetigen Wandel. Im Bagua Zhang läuft
man gewöhnlich im Kreis, hat verschiedene Handhaltungen und während
der Handwechsel zum Teil recht lange Bewegungsabläufe. Tong Bei Chuan
ist das älteste dieser Systeme und man sagt, dass Tai Chi Chuan, Xingyi
Quan und Bagza Zhang sich daraus entwickelt hätten. Tong Bei Chuan
bedeutet „Durch den Rücken boxen“ und ist gekennzeichnet
durch lange, fliegende Arme, die sich aus dem Rücken heraus bewegen.
Akustisch ist Tong Bei Chuan auch sehr eindrucksvoll: es klatscht immer
wieder, da man sich selbst bei der Ausführung der Übungen und
Formen trifft.
Schließlich zeigten Daniel Clormann, Agathe Stöckigt
und Sandra Eckstein noch einfache Partnerübungen, die sog. Push
Hands, auch als Tui Shou oder klebende Hände bezeichnet. Hier
handelt es sich um relativ kurze Bewegungen, die häufig wiederholt
werden. Ziel ist dabei, am Partner kleben zu bleiben, diesen und seine Bewegungen
zu spüren und entsprechend zu reagieren. Und auch hier ist oberstes
Gebot: Weich bleiben! Jede Härte und Anspannung des Partners kann genutzt
werden, um ihn zu entwurzeln.
Um die vielen Eindrücke etwas sinken zu lassen, machten
alle Teilnehmer noch eine kleine Meditation im Stehen als
Abschluß der Veranstaltung.
Abschließend
kann ich als Veranstalterin sagen: Schön, dass sich der Welt-Tai-Chi-Tag
hier in Frankenbach schon etwas über unsere Grenzen hinaus herumgesprochen
hat und auch Teilnehmer kamen, die nicht Schüler von mir sind. Denn
genau das möchte ich mit dieser Veranstaltung erreichen: Ein gemeinsames
Üben, eine Plattform zum Austausch der verschiedenen Stile und Übungen
und ein friedvolles, freundliches miteinander Umgehen.
Ich danke hiermit allen Anwesenden,
meinen Schülern, den mir vorher fremden Teilnehmern, denen, die mit
mir vorgeführt und zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben
und allen, die durch ihre Fotos diese Veranstaltung etwas besser in Erinnerung
bleiben lassen.
Heilbronn, im April 2004
Sandra Eckstein
Da
der Welt-Tai-Chi-Tag eine Plattform des gemeinsamen Übens und Austauschens
ist, zeigte nun Karin Harms eine Übung, bei der wieder
alle, auch Anfänger und weniger Geübte mitmachen konnten. Da sie
seit einiger Zeit Chen-Tai Chi lernt, lehrte sie eine für diesen Stil
essentielle Übung: Reeling Silk oder auch Seidenübung.
Alle Teilnehmer waren mit großem Interesse bei dieser neuen Übung
dabei und hofften auf eine baldige Wiederholung bzw. Vertiefung.